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Dr. Martin Grunwald: „Der Mensch ist ein haptisches Wesen“

Der Tastsinn ist die Basis unserer Selbst- und Welterfahrung. Das haben auch Industrie und Marketing längst entdeckt. Haptik-Forscher Martin Grunwald über die Bedeutung des Begreifens, kantige Kugeln von Rocher und haptische Sozialisationserfahrungen in Ost und West.

Dr. Martin Grunwald

Dr. Martin Grunwald im Haptik Forschungslabor

Welche Bedeutung haben haptische Wahrnehmungen?

Martin Grunwald: Eine außerordentliche. Schon der Embryo in der achten Schwangerschaftswoche, nur 2,5 cm groß, fängt an, seinen Lebensraum haptisch zu erkunden, indem er z.B. die Nabelschnur oder sich selbst berührt. Der Tastsinn ist allen anderen Sinnen vorgelagert. Hören kann der Embryo erst später, sehen erst nach der Geburt. Und diese besondere Stellung des Haptischen setzt sich auch im späteren Leben fort. Kleinkinder haben den ständigen Drang, alles zu berühren und sogar in den Mund zu stecken. Das liegt daran, dass Lippen und Zunge über besonders hoch entwickelte Tastsinnes-Sensoren verfügen. Über Berührungen können wir viel differenzierter wahrnehmen als durch das Sehen. Oberflächenunterschiede lassen sich ab 1 μm ertasten, dem Auge erkennbar sind sie erst ab 80-100 μm.

Landläufiger Meinung nach ist der Mensch vor allem ein visuell geprägtes Wesen. Der Tastsinn wird also erheblich unterschätzt?

Martin Grunwald: Ja, die häufig aufgestellte Behauptung, der Mensch nehme etwa 80% aller Informationen visuell auf, lässt sich schon allein dadurch widerlegen, dass Blinde kognitiv keineswegs beeinträchtigter sind als Sehende. Menschen können ohne Seh- und Hörvermögen geboren werden und existieren, aber die Fähigkeit, Berührungen zu empfinden, ist ihnen ausnahmslos angeboren und bleibt ihnen bis zum Ende erhalten – auch wenn sie durch Krankheiten wie Diabetes eingeschränkt werden kann.

Das Vermögen, Berührungsreize zu verarbeiten und die Umwelt haptisch zu erkunden, ist ein Merkmal alles Lebendigen. Selbst der Einzeller ist ein Haptiker.

Der Tastsinn ist also der einzige Sinn, der unentbehrlich ist?

Martin Grunwald: Ja, er ist die Basis unserer Selbst- und Welterfahrung. Er vermittelt uns sinnlich die Trennung zwischen uns und dem, was außerhalb unseres Körpers existiert. Durch ihn nehmen wir nicht nur unsere Umwelt wahr, sondern auch zugleich uns selbst. Er stiftet die Relation zwischen uns und der Welt, in der wir leben.

Warum wurde die Haptik so lange in der Forschung vernachlässigt?

Martin Grunwald: Über die Gründe kann ich nur spekulieren. Es mag eine Rolle spielen, dass in christlich geprägten Kulturen der Tastsinn mit Körperlichkeit und Sexualität negativ assoziiert und als ein niederer Sinn abgewertet wurde. Das Denken wurde gern als ein von Sinnlichkeit unabhängiger Prozess betrachtet. Aber unsere Sprache verweist auf die haptischen Ursprünge des Erkennens: Das Begreifen und das Erfassen ist auf die Erfahrung des Greifens und Fassens angewiesen. Und dieser Einsicht wenden sich nun auch die Wissenschaften verstärkt zu.

Können es sich Produkthersteller leisten, diese Einsicht zu ignorieren?

Martin Grunwald: Nein, auf gar keinen Fall. Der Mensch ist ein haptisches Wesen, und die haptischen Eigenschaften eines Produktes leisten einen entscheidenden Beitrag zur Markenidentität. Als eine der ersten hat das die Automobilindustrie begriffen. Erforderlich ist ein überzeugendes Haptik-Design.

Was verstehen Sie unter Haptik-Design?

Martin Grunwald: Eine Produktgestaltung, die den spezifischen haptischen Bedürfnissen des Verbrauchers entspricht und die Funktionalität eines Produktes verbessert und unterstützt. Das geht weit über Ästhetik und auch Ergonomie hinaus. Es lohnt sich, die haptische Tauglichkeit eines Produktes im Entwicklungsstadium prüfen zu lassen, aber zu uns kommen viele erst, wenn ihre Produkte floppen. Manche Hersteller wissen überhaupt nicht, dass sie schon eine haptische Marke besitzen. Sie kreieren dann eine Produktlinie, die diese Marke zerstört, und wundern sich über die Ablehnung der Verbraucher.

Können Sie einige Beispiele für haptische Marken nennen?

Martin Grunwald: Eines der berühmtesten Beispiele ist die Coca-Cola-Flasche. Als ihre Form verändert wurde, brach der Umsatz rapide ein. Die Rocher-Kugeln von Ferrero haben eine etwas kantige Verpackung mit vielen kleinen Zacken, die haptisch auf ihren Inhalt – eine Schokoladenkugel mit Nussstückchen – vorbereitet. Der Textmarker von Schwan Stabilo ist in seiner leicht konischen, sehr kompakten Form seinem Gebrauch angepasst: Ein Stift, mit dem man unterstreicht und nur wenige Buchstaben schreibt, benötigt eine andere haptische Struktur als ein Kugelschreiber.

Viele Hersteller berücksichtigen nicht, dass vor jeder Benutzung ihres Produktes die Berührung steht. Die Haptik ist ein Schlüsselreiz für Verbraucher.

Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede in der haptischen Wahrnehmung?

Martin Grunwald: Frauenhände sind z. B. meistens sensibler als Männerhände. Sie sind in der Regel kleiner und haben daher eine höhere Dichte an Rezeptoren. Wichtig sind aber auch kultur- und generationsbedingte Differenzen. Die Verschiedenheit haptischer Erfahrung zeigt sich auch am Beispiel Papier. In der DDR war es von minderer Qualität und streng rationiert, jedes leere Blatt war ein potenzielles Flugblatt. Uns Ostdeutsche kann man ab einer bestimmten Generation noch zwanzig Jahre nach der Wende mit der Glätte von Hochglanzpapier beeindrucken, während man im Westen für diesen Zweck geprägtes Papier braucht.

Wie beurteilen Sie die Wirksamkeit gegenständlicher Werbung?

Martin Grunwald: Sie ist außerordentlich hoch. Berührungsreize gehen viel tiefer als visuelle oder auditive, und sie bleiben viel länger im Gedächtnis. Haptisch vermittelte Werbung erreicht eine viel höhere Aufmerksamkeit als andere Werbeformen, weil sie der menschlichen Bauweise entspricht. Es ist der physiologisch klügere Weg, Menschen buchstäblich etwas in die Hand zu geben als sie eine Seite umblättern zu lassen. Besonders wichtig ist der Einsatz von Werbeartikeln in Bereichen wie der Versicherungs- oder Finanzbranche, um die mangelnde sinnliche Erfahrbarkeit ihrer Produkte zu kompensieren.

Werden die Möglichkeiten haptischer Werbung noch zu wenig genutzt?

Martin Grunwald: Ja, zum Beispiel in der Tourismus-Branche. Im Reisebüro wird vor allem mit Broschüren gearbeitet, anstatt die Lust auf andere Länder und Kulturen durch haptische Eindrücke zu unterstützen, beispielsweise durch Werbeartikel aus für bestimmte Kulturkreise typischen Materialien. In der haptischen Werbung gibt es noch ein enormes Entwicklungspotential.

www.haptik-labor.de

[author] [author_image timthumb=’on’]https://www.werbeartikel-verlag.de/images/Kopf_Grunwald.jpg[/author_image] [author_info]Dr. Martin Grunwald, Jahrgang 1966, habilitierter Psychologe und Privatdozent, ist Gründer und Leiter des Haptik-Forschungslabors am Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung an der Universität Leipzig. Das in Europa einzigartige Labor ist seit vielen Jahren gefragter Partner unterschiedlicher Industrieunternehmen. Martin Grunwald ist durch neurobiologische Grundlagenforschung, psychophysiologisch-klinisch orientierte Forschung und industrielle Anwendungsforschung auf dem Gebiet der Haptik national sowie international ausgewiesen. Seine Forschungstätigkeit führte ihn u.a. an das Touch-Laboratory des Massachusetts Institute of Technology (Boston, USA). Neben zahlreichen Vorträgen lehrt er an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, der Universität Bonn sowie an der Universität Leipzig. Als Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen, hat er auch zwei Monographien zur Haptik herausgegeben: Der bewegte Sinn – Grundlagen und Anwendungen zur haptischen Wahrnehmung (2001) und Human Haptic Perception – Basics and Applications (2008).[/author_info] [/author]

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2016-10-21T11:35:41+00:0015. August 2011|