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„BSCI ist ein Entwicklungsmodell, keine Zertifizierung“

Lorenz Berzau

Lorenz Berzau

Die BSCI (Business Social Compliance Initiative) der FTA (Foreign Trade Association) setzt sich für verbesserte Arbeitsbedingungen und eine Harmonisierung der Prüfverfahren in den Produktionsstätten der Niedriglohnländer ein. Lorenz Berzau, Koordinator der deutschen Kontaktgruppe FTA Sustainability, im Gespräch über BSCI als Business Requirement, langen Atem und Hakenhöhen für Feuerlöscher.

Herr Berzau, die BSCI ist 2003 von Mitgliedern der FTA ins Leben gerufen worden. Wie kam es zu der Initiative?

Lorenz Berzau: Um die Jahrtausendwende rückte innerhalb der FTA das Thema Nachhaltigkeit und Sozialstandards immer mehr auf die Agenda. Importeure, Versand- und Einzelhändler hatten erkannt, dass man beim Einkauf in Fernost auch Risiken mit einkauft, denn es herrschten teils desolate Zustände in den Fabriken. Viele Unternehmen hatten, um sich abzusichern, daher eigene Verhaltenskodizes aufgestellt, die die Vorlieferanten erfüllen mussten. Doch das führte zu einer unübersichtlichen Situation. Jedes Unternehmen legte seine eigenen Kriterien an. Manche Produktionsstätten wurden im Jahr 80 bis 100 Mal auditiert. Man prüfte und prüfte und prüfte, und die Inhaber wussten gar nicht mehr, welche Kriterien für welches Audit Gültigkeit hatten. Mitunter hingen mehrere Haken für die Feuerlöscher an der Wand – je nachdem welcher Auditor kam, wurden die Feuerlöscher dann auf die entsprechend vorgeschriebene Höhe gehängt. 2003 gaben dann rund 25 FTA-Mitglieder die Initialzündung zur BSCI. Ziel war es, die jeweiligen Erfahrungen einzubringen, die unterschiedlichen Ansätze zu bündeln und die Prüfverfahren zu harmonisieren – mit der Absicht, die Produktionsbedingungen in Fernost insgesamt zu verbessern. Im Sommer 2004 war man dann soweit, an die Umsetzung zu gehen. Man hatte sich auf einen einheitlichen Kodex, einheitliche Prüfunterlagen und einheitliche Handbücher verständigt. Und es wurde eine zentrale Datenbank angelegt, in der Mitglieder Informationen über die Audits bei den Produzenten finden können.

Heute hat die BSCI rund 1.800 Mitglieder. Wie erklären Sie sich den Erfolg?

Lorenz Berzau: BSCI hat sich im B2B als Selbstläufer entwickelt, da ungefähr ab 2008 große Unternehmen, die BSCI-Mitglied waren, von ihren Vorlieferanten gefordert haben, die BSCI-Bestimmungen einzuhalten. Viele haben auch realisiert, dass durch die groß angelegte Zusammenarbeit und die Vereinheitlichung der Standards die Arbeit abnimmt, da die Produzenten auch wissen, was gefordert wird. Und natürlich lohnt es sich für die Produzenten auch mehr, ein BSCI-Audit durchführen zu lassen, wenn sie wissen, dass es mehrere Käufer gibt, die das fordern, dass es also zu einer Art Business Requirement wird.

Gibt es denn auf Seite der Produzenten ein Verständnis für die Ziele der BSCI?

Lorenz Berzau: Man muss im Dialog mit den Arbeitgebern in Fernost aufpassen, dass man nicht als westeuropäischer Besserwisser rüberkommt, der europäische Sitten einführen will. Die Unternehmer in Asien haben schon einen gewissen Stolz. Wir versuchen den Produzenten daher zu vermitteln, dass es ihnen zugutekommt, wenn sie Gesetze einhalten und die Arbeitnehmer gerecht entlohnen, weil sie dann entsprechend mehr Aufträge erhalten können. Wir wissen auch, dass viele Produzenten noch nicht auf dem Level sind, das gefordert wird, sie aber hinsichtlich Flexibilität, Zuverlässigkeit und Preis dennoch gute Partner für unsere Mitglieder sind. Dann geht es darum, ihnen zu helfen, das geforderte Niveau bei den Sozialstandards zu erreichen. Die Mitglieder verpflichten sich, die Ziele der BSCI umzusetzen, und werden angehalten, Trainings durchzuführen, Audits anzustoßen und Verbesserungspotenziale aufzuzeigen und auszuschöpfen. Vor und nach den Audits – das ist richtig harte Arbeit sowohl für die Fabriken als auch für die europäischen Importeure. Aber die große Masse der Produzenten hat das verstanden und ist motiviert, sich dementsprechend aufzustellen, weil sie sehen, dass es förderlich für ihr Geschäft ist. Wenn Produzenten jedoch gar keine Bewegung zeigen, dann werden sie auch ausgelistet.

Was tut die BSCI noch, um die Bedingungen in den Produktionsländern zu verbessern?

Lorenz Berzau: Unsere Arbeit basiert auf drei Säulen: Monitoring in Form standardisierter Audits, Weiterbildung – wir haben allein im letzten Jahr über 5.000 Personen geschult –  und politische Arbeit. Wir sind in permanentem Dialog mit Regierungen, NGOs, Gewerkschaften oder Berufsverbänden in den Produktionsländern, um die Ziele der Wirtschaftsinitiative im jeweiligen Land zu verankern und in der Gesetzgebung umzusetzen. Aber das sind Prozesse, die sich über lange Zeiträume hinziehen und bei denen man einen langen Atem haben muss. Korruption z.B. ist nur mit viel Mühe zu bekämpfen, ein anders Problem ist die mangelnde Kontrolle durch Behörden.

Können sich Einkäufer darauf verlassen, dass die Produkte, die sie über BSCI-Mitglieder erhalten, sozialverträglich hergestellt worden sind?

Lorenz Berzau: Sozial-Audits sind immer nur Momentaufnahmen. Wir können auch keine Garantie geben, dass etwas zu hundert Prozent okay ist. Man muss BSCI als ein Entwicklungsmodell verstehen, mit dem Ziel im Dialog zwischen Herstellern, Importeuren und Agenten die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Aber die BSCI ist keine Zertifizierung, kein Symbol oder ein Label. Sie ist daher auch beim Verbraucher kaum bekannt. Das ist auch vorläufig nicht angestrebt, da die BSCI-Mitgliedschaft sich nicht als Thema fürs Marketing eignet.

Die BSCI-Audits finden meistens bei den Lieferantenpartnern der Importeure statt – also in der Endfertigung. Was ist mit deren Vorlieferanten?

Lorenz Berzau: In der Tat wird es immer schwieriger, alle Arbeitsschritte zu kontrollieren, je tiefer die Lieferkette ist. Und die Erfahrungen zeigen auch, dass die Risiken in den unteren Stufen der Lieferkette immer höher sind. Aber dass es schwierig ist, heißt nicht, dass es unmöglich wäre. Seit 2014 haben wir daher BSCI 2.0 gestartet. Das ist ein Versuch, tiefer in die Lieferketten einzudringen und die Produzenten in Fernost ihrerseits dazu zu bringen, ihre Vorlieferanten zu informieren und zu Schulungen einzuladen.

Die BSCI ist jetzt gut ein Jahrzehnt lang am Start: Ist sie in dieser Zeit dem selbst erklärten Ziel, die Arbeitsbedingungen zu verbessern, näher gekommen?

Lorenz Berzau: Wir möchten das uns Mögliche unternehmen, um Sozialstandards zu verbessern oder dort, wo das schon gelungen ist, auf einem hohen Niveau zu halten. In vielen Ländern wie Bangladesch hat sich einiges verbessert – es gibt dort oder in China z.T. hervorragende Produktionsstätten, während manche Auditoren gerade in europäischen Fabriken in London oder Paris die schlimmsten Zustände vorgefunden haben. Insgesamt ist das Niveau gestiegen, das zeigen auch die Ergebnisse der Audits, aber es gibt noch eine Menge zu tun. Zumal sich immer wieder neue Problemfelder auftun: Ob Flüchtlinge, die in türkischen Fabriken arbeiten, angemessen belohnt werden, ist z.B. ein ebenso aktuelles Thema wie Sklavenarbeit in einigen Fischereibetrieben Thailands. Besonders wichtig ist es uns, die Eigenverantwortung in den Produktionsstätten zu stärken. Das ist ein großes Ziel von uns.

Lesen Sie mehr: BSCI – Viel Arbeit für bessere Arbeit

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2016-11-10T08:12:19+00:0030. Juni 2016|