Ein Kommentar von Michael Scherer

Drei Millimeter sind nicht viel, aber sie können für ein PR-Desaster reichen.

Seit 2024 verteilte die Berliner Polizei an Schüler Lineale. Eine gute Idee, muss man erstmal zugeben. Schüler brauchen Lineale, mit aufgedruckten Verkehrszeichen sind sie auch noch ein Beitrag zur Verkehrserziehung und überhaupt eine nette Geste der Polizei, die Sympathie stiften kann. Bis es einem Jungem mal einfiel, nachzumessen – und er feststellte, dass die 15 cm des Lineals keine sind, sondern 3 mm mehr. Dass dieser Fehler der Polizei entging und sie von einem Schüler düpiert wurde, belustigt Menschen bundesweit.
Die Berliner Polizei erklärte daraufhin, die Lineale seien „nicht in erster Linie zum Zwecke der wissenschaftlichen Arbeit oder für mathematisch genaue Tätigkeiten“ gedacht. Es gehe um Präsenz an Schulen und um Werbung für die Berliner Polizei.

michael scherer berlin polizei textbild - „Ist doch nur ein Werbeartikel …“

Michael Scherer

Diese Argumentation ist ziemlich unglücklich und, genauer gesagt, widersprüchlich. Der Nutzen eines Lineals liegt in seiner Präzision, der durchaus auch Schüler vertrauen. Und es ist dieser Nutzen, mit der die angestrebte Präsenz im Alltag der Schüler erreicht werden sollte. Dass es zudem nicht gerade eine Werbung für die Polizei ist, wenn man sich nicht so ganz auf sie bzw. ihre Geschenke verlassen kann, versteht sich eigentlich auch von selbst.

Und so verteidigt sich die Berliner Polizei vor allem mit einer vermeintlich schlagkräftigen Erklärung: „Es sind Werbeartikel“. An einen Werbeartikel, so der Tenor, dürften die Benutzer eben keine Qualitätsansprüche stellen. Suggeriert wird, wer anderes erwartet, ist selber schuld. Der Imageschaden wird auf die Werbeartikelbranche abzuwälzen versucht.

Fehler in der Produktherstellung können überall passieren, hier jedoch wird ein fehlerhaftes Produkt mit der gesamten Produktgattung gleichgesetzt – und damit ein Vorurteil aufgegriffen und verstärkt, das zwar nicht der Realität entspricht, aber immer noch weit verbreitet ist.

Es gibt mehr als genug erfolgreiche Bespiele haptischer Werbung, aber sie müssen auch wahrgenommen werden. Dazu bedarf es einer größeren gemeinsamen Anstrengung in der Werbeartikelbranche. Die Geringschätzung des Werbeartikels betrifft alle Werbeartikler – seine Profilierung würde sich für alle lohnen.

Bildquelle: Shutterstock; Bernadett Yehdou